Worms und die Nibelungen

Historische Hintergründe

 
 
 

Im Zuge der Völkerwanderung errichteten die Burgunder um das Jahr 413 vom Osten kommend am linken Rheinufer ein kurzlebiges Reich. König Gundahar, der König Gunther der Sage, ist in der burgundischen Reichsüberlieferung geschichtlich bezeugt.

Er verbündet sich mit den Römern, um deren Grenzen zu schützen, fällt aber später in deren Herrschaftsbereich ein und wird deshalb im Jahr 436 von dem römischen Heerführer Aetius mit Unterstützung „hunnischer Hilfsgruppen“ vernichtend geschlagen. Gundahar und seine Familie werden getötet.

Römischer Sarkophag, Schlachtdarstellung, 2. Jh
 

Im Jahr 435 heiratet der Hunnenkönig Attila die Germanin Hildiko, stirbt aber in der Hochzeitsnacht an einem Blutsturz. Auf einer frühen Stufe der Sagenbildung tötet Hildiko („Kriemhild“) den Hunnenkönig (Attila/Etzel) aus Rache für den Mord an ihren Brüdern. Im Nibelungenlied hingegen ist es genau umgekehrt, dort lässt Kriemhild ihre Brüder von den Hunnen töten, um Siegfried zu rächen.

Attila / Etzel, der Hunnenkönig, Gemälde von Mór Than, 1870
 

Das nach den Wirren der Völkerwanderung neu entstandene Reich der Franken wird 561 geteilt. Zwischen dem neustrischen (westlichen) und dem austrasischen (östlichen) Reich entwickelt sich in der Folge ein brutaler Krieg um die Vorherrschaft, der in erster Linie durch den Streit zweier Königinnen geprägt wird. Die neustrische Königin Fredegunde lässt den austrasischen König Sigibert I. ermorden. Seine Frau Brunchildis übernimmt die Herrschaft in Austrasien (u.a. auch in Worms) und in Burgund. 613 wird sie von Chlothar II. von Neustrien gefangen genommen und grausam hingerichtet.

Tod der Brunichild, Miniatur von Boccace, Bibliothèque nationale de France, um 1480
 

Zwischen 768 und 790 residiert Karl der Große nahezu jährlich in Worms. Seine erfolgreichen Sachsenkriege sind ebenso in die Sage eingegangen wie der merowingische Frauenstreit und der Untergang des Burgunderreichs am Rhein.

Karl der Große, Fresko (Goslar, Kaiserpfalz) von Hermann Wislicenus, um 1897
 

Nibelungendichtung vor 1200

 
 
 

Bereits gegen Ende des achten Jahrhunderts könnte das alte Atlilied (Atli = Attila, König der Hunnen) über den Burgunderuntergang verfasst worden sein. Überliefert ist es uns in der Snorra-Edda um 1230. Sowohl die antiquierte Sprache der Lieder als auch das Versmaß, in dem sie niedergeschrieben wurden, lassen Rückschlüsse auf den Zeitpunkt ihrer Entstehung zu.

Sigurd-Darstellung, Stabkirche von Hylestad, Norwegen, 12. Jh., Foto: Jeblad. 2009
 

Gegen Ende des neunten Jahrhunderts verfasst ein Mönch aus St. Gallen den Waltharius in lateinischer Sprache. Dieses Epos beschreibt den siegreichen Kampf Walthers gegen die ihn herausfordernden zwölf Wormser Helden, unter ihnen Gunther und Hagen (Siegfried ist noch unbekannt). Ähnlich wie in dem 300 Jahre jüngeren Rosengartenlied lässt sich auch hier möglicherweise eine Erinnerung an den Burgunderuntergang am Rhein erkennen.

Ekkehard dichtet das Walthariuslied, aus: Illustrierte Literaturgeschichte, Leipzig 1880 04c
 

Waltharius (Inhalt)

Das Lied (um 900) schildert den Kampf des Aquitaniers Walther mit König Gunther von Worms und seinen Rittern. Bemerkenswert ist der Loyalitätskonflikt Hagens, denn er ist Walther freundschaftlich verbunden. Nach elf Waffengängen, die alle tödlich für die Wormser enden, kämpfen nur noch Walther, Hagen und Gunther. Am Ende schließen sie Frieden.

Spätestens um das Jahr 1000 werden das „Lied vom Drachenhort“ und die „Erweckung der Walküre“ gedichtet. Diese beiden in der Edda überlieferten Lieder bilden mythischen Kern der Nibelungensage (Drachenkampf und Jungfrau-Erlösung).

Walter und Hildgung auf der Flucht, Illustration von Newell Convers Wyeth. 1922
 

Skandinavische Felsritzungen stellen ab dem späten 10. Jh. Elemente der uns aus der Edda bekannten Nibelungensage dar. In der Folgezeit entstehen im nordischen Raum und auch auf den britischen Inseln vermehrt Ritzungen auf Grabsteinen, ab dem 12. Jh. werden auch Kirchenportale mit den Motiven Sigurds, des Drachentöters, und Gunnars (Gunther) in den Schlangengruben geschmückt.

Sigurd tötet den Drachen, Felsritzung, bei Ramsund (Schweden), um 1000
 

Das Nibelungenlied und seine Zeit

 
 
 

Im Hochmittelalter ist das Nibelungenlied weit verbreitet. Bis heute haben sich 35 Handschriften erhalten, das Original ist aber nie gefunden worden. Der anonyme Dichter bezieht sich auf „alte Mären“. Dass der Dichter auch auf Personen und Ereignisse seiner Zeit kritisch anspielt, darf vermutet werden. Das Epos zeichnet ein negatives Gesellschaftsbild, in dem Mord, Rache und Intrigen dominieren. Die höfischen Ideale, die in der Artusepik der gleichen Zeit von Dichtern wie Wolfram von Eschenbach ausformuliert werden, treten im Nibelungenlied in den Hintergrund.

Blick in die aufgeschlagene Nibelungen-Handschrift C
 

Obwohl Friedrich Barbarossa als Friedenskaiser verherrlicht wird, sind seine Kriege sowie die Auseinandersetzung mit seinem Vetter Heinrich dem Löwen alles andere als friedfertig. Der Zwist zwischen den beiden Häusern spaltet das Reich und zieht auch europäische Kreise.

Friedrich Barbarossa, Miniatur aus der Welfenchronik, um 1191
 

Unter Barbarossas Nachfolger Heinrich VI. erreicht das Reich seine größte Ausdehnung. Um seine Rechte geltend zu machen, setzt sich der Kaiser mit größter Grausamkeit durch und lässt den gesamten normannischen Hochadel ermorden. Ganz Europa hält schließlich den Atem an, als er wenig später den englischen Thronfolger Richard Löwenherz gefangen setzen lässt.

Gefangennahme Richard Löwenherz,
 

Doch das Nibelungenlied knüpft noch in anderer Weise an die Gegenwart des Dichters an: Barbarossa wie Heinrich VI. sind gekrönte Könige von Burgund, und können damit auch Anspruch auf diesen Teil Europas und seine Traditionen erheben.

Das Nibelungenlied (Inhalt)

 
 
 

Das Nibelungenlied (um 1200) erzählt im ersten Teil die Geschichte des Helden Siegfried und seiner Beziehung zum Wormser Burgunderhof. Er wirbt um Prinzessin Kriemhild. Als Gegenleistung muss er König Gunther bei der Brautwerbung um Königin Brünhild von Island unterstützen. Mit Hilfe einer Tarnkappe handelt Siegfried für Gunther. Dieser Betrug wird in der Hochzeitsnacht Gunthers und Brünhild wiederholt.

Brunhilds Ankunft in Worms, Gemälde von Karl Schmoll von Eisenwerth, 1912
 

Einige Zeit später treffen Kriemhild und Brünhild in Worms aufeinander und streiten darum, wer — der Rangordnung nach — als Erste den Dom betreten dürfe. Brünhild begründet ihr Vorrecht damit, dass Siegfried ein Vasall Gunthers sei, weil er diesem in Island den Steigbügel gehalten habe. Im Zorn enthüllt Kriemhild daraufhin den Betrug. Das ist Siegfrieds Todesurteil. Bei einer Jagd wird er von Hagen, dem Kanzler Gunthers, hinterrücks ermordet. Hagen raubt Kriemhild den Nibelungenschatz und versenkt ihn im Rhein.

Siegfrieds Tod, Miniatur der Hundeshagen-Handschrift, 15. Jh., Bild: Staatsbibliothek zu Berlin
 

Im zweiten Teil erhält Kriemhild Gelegenheit zur Rache. Um die Stets um Siegfried trauernde Witwe wirbt der Hunnenkönig Etzel. Sie willigt ein und zieht mit ihm nach Ungarn. Nachdem sie einen Sohn geboren hat, lädt sie ihre Familie zu einem Fest ein. Hagen warnt vor der Fahrt, aber die drei Königsbrüder gehen arglos auf das Angebot ein und reisen mit großem Hofstaat und militärischem Gefolge an den Hunnenhof. Dort inszeniert Kriemhild den Untergang, der auch von Etzel und seinen Gefolgsleuten wie Rüdiger von Bechelaren und Dietrich von Bernd nicht aufzuhalten ist. Am Ende sind alle „Nibelungen“, einschließlich Kriemhild, tot.

Der Nibelungen Not, Gemälde von Franz von Stuck, um 1920
 

Nibelungendichtung nach 1200

 
 
 

Im 13. Jahrhundert entsteht die „Edda“ (eine Mythen- und Sagensammlung) auf Island sowie die „Völsunga- und Thidrekssaga“ in Norwegen, die alle drei den Nibelungenstoff beinhalten. Die Völsungssaga orientiert sich noch stark an der Edda, wohingegen die Thidrekssaga nach Aussagen „norddeutscher Gewährsleute“ aufgezeichnet worden ist und eine Mischform der nordischen und der deutschen Sagentradition darstellt. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Dietrichepik, welche zur gleichen Zeit im süddeutschen Raum entsteht und u.a. das „Rosengartenlied“ enthält.

Begegnung von Sigurd und Gudrun, Illustration von Arthur Rackham, 1911
 

Rosengartenlied (Inhalt)

Das Rosengartenlied (um 1230) erzählt von Kriemhilds Rosengarten bei Worms, den 12 Recken bewachen. Kriemhild schickt Dietrich von Bern eine Herausforderung, mit ihren Helden den Kampf aufzunehmen. Die elf Vorkämpfe enden alle siegreich für die Gegner. Den entscheidenden Kampf Siegfrieds mit Dietrich bricht Kriemhild vorzeitig ab und belohnt Dietrich mit Kuss und Siegerkranz.

Einzug in Worms, Miniatur aus "Rosengarten zu Worms", um 1420, Universitätsbibliothek Heidelberg
 

Seyfridslied (Inhalt)

Im Seyfridslied (um 1500) liegt der Schwerpunkt auf der Drachensage. Siegfried geht bei einem Schmied in die Lehre, er tötet einen Drachen und wird unverwundbar. In Worms erfährt er, dass Kriemhild von einem Drachen entführt worden ist. Mit Hilfe eines Zwergenkönigs besiegt Siegfried Kriemhilds Wächter, einen Riesen, tötet den Drachen und befreit die Prinzessin. Sie feiern Hochzeit in Worms. Nach sieben Jahren wird Siegfried von seinen neidischen Schwägern ermordet.

Drache entführt Chriemhild, Holzschnitt, Lied vom Hürnen Sewfrid. Nürnberg, vor 1538
 

Im frühen 16. Jahrhundert erscheint „Das Lied vom Hürnen Seyfried“, dessen Ursprünge wohl bis ins 14. Jh. zurückreichen. Die Handlung des Liedes lehnt sich mehr den nordischen Überlieferung an und bringt auch diverse Neuerungen (Entführung Kriemhilds durch den Drachen). 1557 folgt die „Tragedi“ von Hans Sachs, die sich auf das „Lied vom Hürnen Seyfried“ bezieht. 1657 schließlich verflacht die Geschichte vollends in dem barocken Werk „Die Geschichte von dem gehörnten Siegfried“. Danach wird die Nibelungenrezeption zunehmend politisch.

Siegfrieds Drachenkampf, Illustration von Wilhelm von Kaulbach, um 1840
 

Rezeptionsgeschichte

 
 
 

Bis zur Wiederentdeckung der mittelalterlichen Handschriften ab 1755 war das Nibelungenlied weitgehend in Vergessenheit geraten. Dies änderte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als in ganz Europa eine Suche nach den eigenen Wurzeln begann.

ohann Jacob Bodmer, der ;Wiederentdecker; des Nibelungenlieds, Gemälde von Joh. Heinrich Füssli, 1781
 

Mit der Revolution von 1848/49 wurde das Epos neu gedeutet. Friedrich Engels fühlte seine revolutionären Gedanken darin bestätigt, und Heinrich Heine verglich den Untergang der Burgunder mit der Niederlage der ungarischen Revolution. Überaus hellsichtig sah er allerdings auch den Sprengstoff, den die Rückbesinnung auf das kriegerische Heldentum der Germanen mit sich brachte. Konservative Kreise dagegen betonten das Treueverhältnis zwischen Hagen und der Königsfamilie als Gegenmodell zur Republik. Nach der Niederlage der Demokraten wurde die Politik auf die Frage nationaler Identität eingeengt und gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor man die europäische Dimension des Nibelungenstoffs weitestgehend aus dem Blick. Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, an dem er von 1848 bis 1874 arbeitete, ist Ausdruck dieser Zeit. Transportiert von der gewaltigen Musik wurde seine an der nordischen Mythologie angelehnte Deutung in aller Welt bekannt.

Richard Wagner
 

1914 musste die „Nibelungentreue“ (Kanzler von Bülow) für die Bewertung des deutsch-österreichischen Verhältnisses herhalten. Die deutsche Niederlage von 1918 wurde als Dolchstoßlegende kommentiert: So wie Hagen Siegfried hinterrücks ermordet habe, so sei die republikanisch- revolutionäre Heimat dem kämpfenden Heer in den Rücken gefallen.

weiß ich nicht
 

1920 entstand der monumentale Stummfilm „Die Nibelungen“ von Fritz Lang. Der Gedanke, Festspiele mit nationaler Wirkung auf die Bühne zu bringen, gewann im Nationalsozisalismus wieder an Bedeutung. Von 1937 bis 1939 kam es in Worms im Rahmen der Reichstheater-Festwochen zu Aufführungen von Hebbels Trauerspiel „Die Nibelungen“. Das Motiv der Nibelungentreue bis zum Untergang eines Volkes diente der Propaganda des kriminellen NS-Staates.

Hermann Göring, Foto: Reprich, 1942; DBA Bild 101III-Reprich-012-08
 

Nach dem Missbrauch durch die Nationalsozialisten wurde das Nibelungenthema zunehmend tabuisiert. Erst nach langer Zeit beginnt eine neue Auseinandersetzung mit dem Stoff. Das Nibelungenmuseum und die Nibelungen-Festspiele in Worms sind bekannte Beispiele dafür.

Maria Schrader als Kriemhild, Nibelungenfestspiele Worms (Foto: Rudolf Uhrig, 2004)
 
 
 
 
Gewandeter mit Schwert am Einlass
Gewandeter beim Feuermachen
Händlerin und Besucherin am Marktstand