Das Lagerleben

Die Faszination Mittelalter

Abschalten, dem neuzeitlichen Stress entkommen und sich mal wieder auf die wirklich wichtigen bzw. einfachen Dinge im Leben besinnen. Aber auch die Gemeinschaft und der Austausch mit Gleichgesinnten, das gemütliche Beisammensein und das ausgelassene Feiern sind das, was viele der Lagergruppen an ihrem Hobby so lieben.

Gewandetes Mädchen auf einer Holzkarre

Aus dem ganzen Bundesgebiet kommen heute Mittelalter-Gruppen; so sind zum Beispiel „Iter Tutum“ und  „Vargr“ gern gesehene Gäste im Wormser Wäldchen. Aber auch lokal-regionale Lager wie „Wanderfalck“ und „Midgards Raben“ sind seit Jahren mit dabei.

Seit mehreren Jahren kümmert sich Uwe Hildenbeutel um die Organisation des Lagers, zuerst als helfende Hand des damaligen Trossmeisters Sascha Hendrich (davor: Wilfried Reichenbach), seit 2008 als Hauptverantwortlicher. Bei ihm gehen die jährlich rund achtzig bis hundert Bewerbungen von Gruppen aus ganz Deutschland ein. Diese werden gesichtet und bewertet, wobei vor allem die Qualität der historischen Darstellung entscheidet, wer zum Lager zugelassen wird. Auch „Alteingesessene“ müssen sich jedes Jahr aufs Neue dem Auswahlprozedere stellen, sind doch die rund fünfzig Lagerplätze in Worms sehr begehrt. Und die Trossmeisterei weiß: So manche besonders authentische Lagergruppe kommt nur wegen dieser sogar schriftlich fixierten Richtlinien nach Worms. Des Weiteren begeistert die meisten Gruppen der unvergleichlich tolle Veranstaltungsort — scheinbar fernab jeglicher Zivilisation gelegen — sowie die Weitläufigkeit des Geländes, auf dem man auch nach drei Tagen noch Neues entdecken kann.

Gewandete Frauen, Kinder und Männer in ihrem Lager

Im Wäldchen sind die Lager, die aus zwei bis vierzig Personen bestehen können, entlang einer Zeitstraße angeordnet. So kann der Besucher beim Flanieren genau verfolgen, wie sich zum Beispiel Mode, Werkzeuge und Waffen von 500 bis 1500 n. Chr. weiterentwickelt haben. Besonders eindrucksvoll präsentieren sich die Lager bei der traditionellen Markteröffnung am Freitagabend. Beim sogenannten „Einzug der Kumpaneyen“ ziehen die einzelnen Lager in die Arena ein und werden dabei von Uwe Hildenbeutel vorgestellt.

Auch Hildenbeutel selbst lagert natürlich im Wäldchen — zusammen mit seinen Freunden, die sich „Karolinger Rheinfranken“ nennen und die ihm das gesamte Wochenende bei der Betreuung der Lager zur Seite stehen. Denn auch vor Ort müssen vor allem die Themen Brand- und Umweltschutz das gesamte Wochenende im Auge behalten werden.

Wie alle auf dem Spectaculum achten auch die rund 500 Lagernden penibel darauf, während des Veranstaltungswochenendes auf möglichst viel moderne Technik zu verzichten. Egal ob im Zelt oder davor – Technik wird nur akzeptiert, wenn Sie unabdingbar ist (zum Beispiel zum Kühlen von verderblichen Lebensmitteln oder aus medizinischen Gründen) und selbst dann sind die Geräte meist gut versteckt bzw. mittelalterlich verkleidet. Armbanduhren oder Handys werden nicht offen getragen. Manche kochen sogar nach historischen Rezepten oder verzichten zumindest auf im Mittelalter noch unbekannte Lebensmittel und Getränke wie Kartoffeln, Paprika oder Kaffee. Andere betreiben historische Handwerke oder messen sich mit anderen in Waffenkämpfen nach festgelegten Regeln.

mit Kerzen erleuchtetes Lager  bei Nacht

Und wenn dann nach Marktende abends die nicht gewandeten Besucher das Wäldchen verlassen und nur noch Kerzen das mittelalterliche Lager erleuchten — ja dann scheint das 21. Jahrhundert tatsächlich ganz fern zu sein. Dann sitzt man am Lagerfeuer zusammen, geht noch einmal in der Taverne vorbei oder lauscht einem der Musikanten.

Das Zuschauen und Bestaunen durch zivile Besucher stört die Lagernden übrigens nicht. Gerne geben sie Interessierten Auskunft über die von ihnen dargestellte Epoche, deren Besonderheiten und ihre Passion im Allgemeinen.

 
 
 
Gewandeter mit Schwert am Einlass
Gewandeter beim Feuermachen
Händlerin und Besucherin am Marktstand